Es ist ein seit Jahrzehnten bekanntes Dilemma der Politik, dass nicht erkannt wird, dass die verschiedenen Ministerien disziplinär übergreifend arbeiten und handeln müssen. Alles hängt immer mit allem zusammen. Ich mache da mal eine Gedankenkette auf, um meine Lieblingsbehauptung zu begründen:
Ich bin arm, also kann ich mir keine gesunde Ernährung leisten, das gibt das Budget nicht her, also sorge ich aus diesem Grunde nicht gut für meine Gesundheit und riskiere krank zu werden. Durch diese Lebensweise unterstütze ich eine Landwirtschaft und eine Nahrungsmittelverarbeitung, die nichts mit dem Label „klimafreundlich“ zu tun hat.
Im Winter darf ich meine schlecht isolierte Wohnung nicht auf eine gute Raumtemperatur heizen, weil ich Angst vor der Nachzahlung habe, also friere ich und riskiere auch hier krank zu werden.
Im Sommer wird meine Bude brütend heiß, ich dusche, wie allgemein empfohlen wird, etwas häufiger und habe Angst vor der Nachzahlung der Nebenkosten, die ja nicht in jedem Falle Bestandteil der Kosten der Unterkunft sind. Hinzu kommt, dass häufiges Duschen eben auch nicht besonders umweltfreundlich ist und außerdem in vielen Fällen der alternden Haut schadet. Das Geld für Salben und Cremes habe ich nicht übrig. Einen Ventilator zu kaufen ist nicht drin und wenn ich es dennoch hinbekomme, habe ich das Problem mit den Stromkosten. Nach draußen gehen ist in den versiegelten Städten keine Option, es stehen an schattigen Plätzen, wenn es denn in fußläufiger Nähe einen Park oder ein Pärkelchen gibt, viel zu wenig Bänke zur Verfügung. Mich als alter Mensch auf eine Decke auf die Wiese zu setzen ist keine Option, es kann mir ja keiner wieder hochhelfen.
Besonders in der dunkleren Jahreszeit muss ich früher das Licht einschalten und weiß genau, dass ich mit der Strompauschale von 45,72 € nicht auskomme. Besonders weil ich wegen meiner Ehrenamtsarbeit auch sehr oft Strom für den PC nutze. Das ist ja alles nicht mehr so preiswert. Dann kommt dazu, dass ich viel zu häufig den Fernseher anschalte, damit jemand mit mir spricht, ich fühle mich dann nicht so einsam. Und auch in diesem Zusammenhang kann festgestellt werden: Einsamkeit macht krank.
Es kann nicht angehen, dass reiche Menschen in der Welt umherfliegen, Urlaube in weit entfernten Gegenden der Welt verbringen und allein mit dieser Reiserei das Klima unnötig belasten, und arme Menschen schwitzen, frieren und in höchstem Maße ungesund leben. Das Armutsnetzwerk und das RKI vermuten, dass die 16.300 Hitzetoten in diesem Jahr zur Hälfte armutserfahrene Menschen waren, gesicherte Zahlen gibt es dazu leider nicht.
Was ich hier ausgeführt habe, sind recht persönliche Beispiele, das gebe ich gern zu. Aber sie stehen exemplarisch für die Situation vieler Menschen, die von Sozialleistungen leben müssen. Insbesondere ein Fünftel der SGB XII-Bezieher*innen sind insbesondere davon betroffen.
Die Ministerien müssen, ich sagte es bereits zu Anfang, zusammen, miteinander arbeiten. Aber was viel wichtiger ist, wir armutserfahrene Menschen müssen in diese Arbeitsprozesse einbezogen werden. Wir müssen an diesen Plänen mitarbeiten und unsere Erfahrungen einbringen können. Und nun äußere ich mich sehr privat: Ich finde diese Forderung logisch, weil nach meiner Auffassung der Kontakt zu den Bedürfnissen und den Möglichkeiten der Bevölkerung bei den meisten regierenden Politiker*innen längst verloren gegangen ist. Das liegt meines Erachtens auch den mächtigen, weil finanzstarken Lobbyverbänden der Wirtschaft. Profit geht dort immer noch vor Klimafragen.
Am Freitag, den 04.09.2026 war Mojib Latif zu Besuch beim NDR-Talk. Er wurde gefragt, ob er einen positiven Blick auf eine Chance zur Abwendung der Klimakatastrophe hat. Seine Antwort: Putin, Trump und Chi müssen weg, dann klappt es.
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Der Beitrag wurde verfasst von Renate Antonie Krause, Kiel. Er wurde ursprünglich als Redebeitrag unter dem Programmpunk „Klimapolitik aus Sicht von Armutserfahrenen: Expert:innen in eigener Sache melden sich zu Wort“ auf der Konferenz von Zukunft KlimaSozial am 08.09.2026 im FrizzForum vorgetragen.